Projekt kulturer.be
5.8.26
(khm) Im 18. Jahrhundert wurden gemalte Stadtansichten (italienisch vedute: „Ansichten“) zu begehrten Souvenirs. Insbesondere junge britische Aristokraten erwarben solche Bilder auf ihrer Bildungsreise (der sog. „Grand Tour“) durch Europa als Zeichen ihrer neu gewonnenen Weltgewandtheit und um die Erinnerung an ihre Reiseerfahrung festzuhalten.

Canaletto (1697–1768): Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus.
1735/44
Öl auf Leinwand, 129,2 × 188,9 cm
Wallace Collection, London
© Wallace Collection, London, UK / Bridgeman Images
Bellotto (1722–1780): Architekturfantasie mit Selbstbildnis in den Roben eines venezianischen Edelmannes,
um 1765
© The Royal Castle in Warsaw – Museum.
Foto: Andrzej Ring, Lech Sandzewicz
Zwei der bedeutendsten Vertreter der Vedutenmalerei stehen im Zentrum der Ausstellung des Kunsthistorischen Museums. Die Venezianer Giovanni Antonio Canal, gen. Canaletto (1697–1768), und sein Neffe und Schüler Bernardo Bellotto (1721–1780) prägen bis heute unsere Vorstellung mancher europäischen Städte. Mit feinem Gespür für Licht, Atmosphäre und architektonische Präzision verwandelten Canaletto und Bellotto diese in Bühnen des Alltags – und ihre Ansichten in Sehnsuchtsorte.
„Die Werke von Canaletto und Bellotto zeigen Europa als Raum kultureller Begegnungen, lange bevor der Begriff der europäischen Öffentlichkeit geprägt wurde. Ihre Veduten verbinden Städte wie Venedig, Dresden, London oder Wien durch die Perspektive der Reisenden und Sammler des 18. Jahrhunderts. Die Ausstellung macht sichtbar, wie Kunst zur visuellen Sprache eines gemeinsamen europäischen Erfahrungsumfelds wurde – einer Kraft gebenden Kultur des Austauschs, der Inspiration und der Neugier auf andere Städte und Gesellschaften“, sagt Jonathan Fine, Generaldirektor des Kunsthistorischen Museums.
In den 1730er Jahren erzielten Canalettos Veduten in Venedig Höchstpreise. Mit dem Ausbruch des Österreichischen Erbfolgekriegs (1740–1748) brach der Markt jedoch ein: Der internationale Reiseverkehr stockte, zahlungskräftige Kundschaft blieb aus. Onkel und Neffe reagierten zunächst mit neuen Bildthemen, erkannten jedoch bald, dass ihre Karrieren außerhalb Italiens bessere Perspektiven boten.
Die Ausstellung beginnt in Venedig und behandelt anschließend Canalettos England-Aufenthalt sowie Bellottos Wirkungsstätten in Dresden und Wien, wobei der Schwerpunkt auf der Auseinandersetzung mit der Vedute als Bildgattung liegt.
„Stadtansichten des 18. Jahrhunderts, die oft als unmittelbare, beinahe fotografische Abbilder der Realität wahrgenommen werden, sind in Wirklichkeit sorgfältig konstruierte Bildschöpfungen, die aufschlussreiche Einblicke in die sozialen und politischen Kontexte ihrer Entstehungszeit eröffnen“, ergänzt Mateusz Mayer, Kurator der Ausstellung.
Canalettos und Bellottos Gemälde entfalten ein facettenreiches Panorama Europas ihrer Zeit. Anhand einer Auswahl besonders aussagekräftiger Werke sowie deren Verortung innerhalb der wissenschaftlichen Strömungen der Zeit zeigt die Ausstellung, dass die Vedute kein objektives Dokument ist. Sie ist vielmehr ein bewusst gestaltetes Bild der Stadt – beeinflusst von künstlerischen Entscheidungen, sozio-politischen Rahmenbedingungen und den Erwartungen der Auftraggeberinnen und Auftraggeber – ein Konzept, das angesichts aktueller Debatten über Bildmedien, Stadtentwicklung und kulturelles Gedächtnis besonders relevant ist.
Canaletto – ein Name, zwei Künstler
Der Name „Canaletto“ ist beinahe ein Synonym der Bildform „Vedute“ und sorgt nicht selten für Verwirrung, denn auch Bernardo Bellotto fügte seiner Signatur in einigen Werken „genannt Canaletto“ hinzu. Er tat dies nicht nur, um seine künstlerische Verbindung zu seinem berühmten Verwandten und Lehrer zu unterstreichen, sondern auch zur Steigerung seines eigenen Marktwertes. In der Ausstellung wird jedoch nur sein Onkel als „Canaletto“ bezeichnet. Während dieser sein Leben lang das prekäre Leben eines freiberuflichen, von immer wechselnden Auftraggebern abhängigen Vedutenmalers führte, wurde Bellotto schließlich die Ehre einer festen Anstellung am Hof des Kurfürsten von Sachsen und König von Polen zuteil.
Hochkarätige Leihgaben
Die Ausstellung zeigt 32 herausragende Gemälde – sowohl Werke aus dem Kunsthistorischen Museum als auch hochkarätige Leihgaben. Zu den Höhepunkten zählen u. a. Canalettos spektakuläre Ansicht Venedig: Der Bacino di San Marco von San Giorgio Maggiore aus (1735/44) aus der Wallace Collection. Als Sohn eines Bühnenbildners waren ihm Perspektivkonstruktion und die Geometrie, wie sie im Theater eingesetzt wurden, vertraut. In diesem Gemälde kommt das Theatralische besonders in einem subtilen Umgang mit räumlicher Illusion zur Geltung.
Einzigartig sind auch Canalettos London-Bilder, etwa London: Die Themse am Lord Mayor’s Day (um 1748) aus der Sammlung Lobkowicz sowie Westminster Abbey mit einer Prozession der Ritter des Bath-Ordens (1749) aus dem Besitz des Dean and Chapter of Westminster. Sie werden erstmals öffentlich in Österreich gezeigt und bieten seltene Einblicke in Canalettos künstlerische Auseinandersetzung mit der englischen Hauptstadt.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Bellottos zweijährigem Wien-Aufenthalt, einer äußerst produktiven Schaffensperiode. Seine großformatigen Ansichten der Wiener Innenstadt, z. B. Wien vom Belvedere aus gesehen (1759/60), und der umliegenden Schlösser aus dem Bestand des Kunsthistorischen Museums wurden speziell für die Ausstellung gereinigt. Ergänzt durch bedeutende Leihgaben aus dem Besitz der Fürsten von Liechtenstein, etwa Das Gartenpalais Liechtenstein in Wien vom Belvedere (1759/60), können diese Veduten seit mehr als 20 Jahren nun erstmals wieder nahezu vollständig gemeinsam präsentiert werden.
Um auch den intellektuellen und künstlerischen Kontext dieser Epoche zu verdeutlichen, ergänzen weitere Gemälde, Druckgrafiken und wissenschaftliche Instrumente aus zahlreichen europäischen Museen die Schau.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Mateusz Mayer, Kurator der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums.
Serenella Zoppolat und Tilo Perkmann (Artvis) haben die Ausstellung gestaltet.
Eine reich bebilderte Publikation in Deutsch und in Englisch ist im Hirmer Verlag erschienen und lädt zur vertiefenden Auseinandersetzung mit Canaletto & Bellotto ein.
Ein umfangreiches Rahmenprogramm begleitet die Schau. Informationen unter:
https://www.khm.at/ausstellungen/canaletto-bellotto#programm-fuehrungen
Ein Video zur Ausstellung ist in Vorbereitung und wird auf dem YouTube-Kanal des Kunsthistorischen Museums abrufbar sein.
Junge Besucherinnen und Besucher können die Welt Canalettos und Bellottos mit einem Booklet und kindergerechten Wandtexten erkunden. Im letzten Raum ergänzen zwei Medienstationen das Angebot für Kinder und ermöglichen eine spielerische Vertiefung ausgewählter Themen. Eine weitere Medienstation richtet sich an erwachsene Besucherinnen und Besucher.
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| Icon obenPexels, Ksenia Chernaya | siehe auch: | ||
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